Von Strausberg an die Oder

Das Märkische Oderland

kann man sich als Radfahrer sehr gut über den Fernradwanderweg R1 erschließen. Dieser teils sehr gut ausgebaute Radweg führt auf zwei alternativen Strecken vom östlichen Rand Berlins in das Umland. Ich starte zunächst abseits dieses Radwanderwegs in Strausberg, der Stadt am Straussee, an einem kühlen, sonnigen Morgen Anfang September zu dieser Radtour in Richtung Oder.
Die Strecke verläuft nicht ganz geradlinig in Richtung Osten, sondern beinah in einem Sägezahn-Muster durch eine verträumte Ackerlandschaft, durch die Märkische Schweiz und weiter über Neuhardenberg und später Letschin bis an die Oder. Über Küstrin und Lebus will ich noch weiter bis nach Frankfurt und von dort mit der Regionalbahn dann nach Berlin.

GPS-Aufzeichnung der gefahrenen Strecke:

Der R1 verlässt meine Route dann später in Küstrin und zieht sich von dort aus weiter hinein nach Polen, während ich dann dem Oderradweg nach Süden folge. Der R1 ist ein Fernradwanderweg im europäischen Maßstab, der weiter bis nach Königsberg markiert ist und noch darüber hinaus bis nach Estland führt.
Zunächst aber rolle ich beinah allein in der frühen Morgensonne durch ein Siedlungsgebiet aus Strausberg heraus und genieße die Weite der Landschaft, die sich gleich hinter dem Vorort Herrensee zu erstrecken beginnt. In Rehfelde wird die Hauptstraße neu gestaltet, was den Autoverkehr vorrübergehend aus dem Ort heraus hält und mich Radfahrer ungestört fahren lässt. Doch auch außerhalb des Ortes ist auf der Nebenstraße, die ich weiter befahre, der Verkehr kaum der Rede wert. Wiesen und Weiden folgen auf einen kurzen Waldabschnitt an den Weinbergen. Das eher flache Land wird also schon bald von sanften Hügeln unterbrochen und am Rand von Garzau liegt ein Schloss mit Gutshaus und ein kleines Hinweisschild berichtet von einer Pyramide, die hier in der Nähe stehen soll. Ein historisches Bauwerk? Ich kann mir nichts darunter vorstellen und wähle den Abzweig, der dort hin führt. Es ist noch früh am Morgen und so nehme ich mir die Zeit für den Abstecher.

Pyramide bei Garzau

Noch auf Höhe des Gutshofes kommt mir auf dem unebenen Fahrweg eine Wandergruppe entgegen, die offenbar auch schon eine ganze Weile unterwegs sein muss, denn der nächste Bahnhof ist inzwischen weit. Bis zu dem kleinen Bauwerk auf einem Hügel, etwas abseits in einem Waldstück gelegen, ist es aber nicht weit. Und, ja - es ist eine Art Pyramide. Nicht sehr groß, aus Feldsteinen und einigen Klinkern errichtet und mit einer Pforte, die derjenigen der Stadtkirche in Strausberg entspricht. Die Geschichte sagt, dass die Einfassung der Pforte der dortigen Kirche einst von der verfallenen Pyramide abgebaut wurde und an der Kirche neu errichtet wurde. Für die Restaurierung vor wenigen Jahren wurde dieses Detail dann dem Original nachempfunden.
Dieses so gar nicht in die Gegend passen wollende Bauwerk liegt friedlich in der von den dicht um den Hügel stehenden Bäumen noch etwas abgeschirmten Sonne auf dem mit dichtem Rasen bewachsenen Hügel. Es ist ganz hübsch anzusehen und diente im 18. Jahrhundert dem Fürsten von Garzau als ein Aussichtspunkt über seine umfangreichen Ländereien.

Langer See

Von Garzau aus fahre ich weiter in Richtung Märkische Schweiz, über Garzin und am Langen See vorbei, an dessen Ufer ein paar Schwäne auf Fütterung warten. Wieviele gleichnamige Gewässer mag es im Land wohl noch geben? Hier in der Gegend wird großflächig Landwirtschaft betrieben, zum großen Teil nach natürlich biologischen Regeln, zwischen den Ackerflächen verlaufen alte Baumreihen und hochgewachsene wild belassene Hecken am Rand der holperig gepflasterten Fahrwege. Die Äcker sind inzwischen schon abgeerntet. Inmitten der Felder liegt der Hof Lieberhof versteckt zwischen hohen Hecken und Baumreihen und die Markierung des Radwegs weicht hier etwas von der Vorgabe aus meiner Karte ab. Bis zu dem Dorf Bergschäferei hat sich die Streckenführung offenbar geändert und ab dort beginnt ein ganz neu angelegter Teil des Europaradweges R1.

Europaradweg R1

Die Strecke wird im weiteren Verlauf etwas welliger. Im Naturpark Märkische Schweiz wechseln sich nun in schnellem Wechsel Hügel und Niederungen ab, führt der Weg an einigen Seen vorbei, von denen der Dabersee bei Waldsieversdorf und der Klobichsee bei Münchehofe die größeren sind. Die Beschaffenheit der Wege bzw. Straßen ist höchst verschieden. Das kurze Stück neu angelegten Radwegs hat leider schon vor Waldsieversdorf wieder geendet. Ab hier sind Nebenstraßen die Basis der Strecke und ein Abschnitt auf dem Weg nach Münchehofe ist sehr schlecht geschotterte und steile Piste, kaum breiter als ein Fahrzeug. Glücklicher Weise muss ich hier keinem Verkehr ausweichen.

Zwischen dem Umweltzentrum Drei Eichen und Münchehofe liegt mitten im Wald eine Sanddüne. die mäßig mit Kiefern und niederem Gebüsch bestanden ist, die Münchehofer Flugsandüne. Eines der vielen kleinen Überbleibsel der letzten Eiszeit und deren Folgen hier in der Gegend. Eine sich daran anschließende, weitläufige Wiese mit abgezäunter Pferdeweide lädt zum Verweilen ein und so mache ich hier auch eine kurze Pause und lase mir die warme spätsommerliche Nachmittagssonne auf den Bauch scheinen.

Bei Münchehofe

Lange halte ich es aber nicht aus. Erstens will ich ja auch weiter kommen und ich merke bereits hier, nach erst etwas mehr als 25 Kilometern, dass ich die Gesamtstrecke leicht unterschätzt habe. Zweitens entdecken auch andere Wanderer und einige Pilzsucher die Schönheit der Gegend und verleiden mir die erhoffte Ruhe. Es geht weiter über Obersdorf und Trebnitz und aus dem bewaldeten Naturpark wieder hinaus in die Weite der landwirtschaftlichen Flächen. In Trebnitz kann man anhand der alten Häuser ahnen, dass es den ehemaligen Gutbesitzern bzw. Landmutzern gut gegangen sein muss. Schön restaurierte Gebäude aus einer vergangenen Zeit.
War die Strecke bisher vielfach auf Nebenstraßen oder Fahrwegen verlaufen, so geht es ab hier in Richtung Norden auf der Landstraße L36 nach Neuhardenberg weiter. Der jetzt heftig über die freien Ackerflächen blasende Nordwind bremst mich in meiner Fahrt etwas aus und obwohl die Sonne immer noch angenehm von dem inzwischen mit Quellwolken übersäten blauen Himmel herunter lacht, wird es doch merklich kühler.

Schlosshotel Wulkow

In Wulkow halte ich kurz an, um mir das zu einem Hotel umgebaute kleine Schlossgebäude und die gegenüber liegende Kirche anzusehen. Das ehemalige Schloss befindet sich an einem kleinen Teich inmitten des Ortes und beherbergt heute ein Wellness- und Tagungshotel der gehobenen Preisklasse, wie mittlerweile viele andere ehemalige Gutshäuser im Lande auch.
Wenige hundert Meter nach dem Ort kann ich die Straße wieder verlassen und auf den Radweg durch den schmalen Streifen des Wulkower Forstes abbiegen. Jetzt zum Ende der Sommersaison kann ich die wenigen Radler, denen ich auf meiner Fahrt begegne, an den Fingern einer Hand abzählen. Trotz des sonnigen Wetters ist an diesem Septemberwochenende kaum etwas los, entlang der Radwege. Das macht das Fahren ganz angenehm aber auch etwas einsam.

Der Fahrweg durch das Stück Wald wird aber bald schmaler und führt schließlich am Rand einer weitläufigen Wiese auf die Bundesstraße 167 zu, zu der ich dann eine Weile, etwa 3,5 km, parallel auf einem asphaltierten Radweg bis nach Platkow fahre. Hier biege ich wieder nach Norden ab und verlasse die Bundesstraße wieder, um weiter über teils noch bestandene Maisfelder und Wiesen und entlang diverser Entwässerungsgräben in Richtung Letschin zu fahren. An Neuhardenberg komme ich nun nicht mehr direkt vorbei, aber einen Besuch der dortigen Schlossanlagen hebe ich mir einfach für einen anderen Termin auf.

An der Oder

Mit dem hauptsächlich von Norden her wehenden Wind macht das Radfahren über so flaches Land nur wenig Spaß. Die Baumzeilen, vorwiegend Pappeln von denen die Wiesen und Äcker manchmal abgegrenzt werden, helfen gegen den Wind auch nur wenig. Eine kure Zeit kreisen drei Weißstörche über mir und segeln noch einige hundert Meter weiter, bis sie sich auf einem bereits abgeernteten Feld niederlassen. Es ist inzwischen wieder selten geworden, diese großen Vögel im Land zu sehen und lange werden sie hier wohl nicht mehr zu finden sein.

Kurz bevor ich nach Letschin komme, muss ich von den Feldwegen wieder auf eine Landstraße wechseln, um die Bahngleise der Strecke nach Wriezen zu können. Hier befindet sich auch ein Eisenbahnmuseum, zumindest eine Sammlung von Signaltypen und Hinweisschildern und dem einen oder anderen ausgedienten Eisenbahnwaggon.

Hinter Letschin, einem der vielen Orte für den man sich mehr Zeit nehmen müsste, weil hier einfach zu viele Details zu entdecken sind, fahre ich für nocheinmal etwa 10 km zwischen Feldern und Wiesen, teils sogar auf einer neu angelegten Landstraße ohne nennenswerten Verkehr. Vieles in der Gegend hier sieht so neu aus, als hätte es nach dem schweren Hochwasser von 1997 völlig neu geschaffen werden müssen. Dann komme ich an den Deich und sehe zunächst einmal nichts von dem Grenzfluss nach Polen, nur Auenlandschaft. Und der tiefblaue Himmel hat inzwischen nur noch wenige, ihn sehr hübsch kleidende Wolken. Nachmittag ist es längst geworden und ich habe bisher mit rund 63 Kilometern doch schon deutlich mehr Strecke in den Pedalen, als ich vorher abgeschätzt hatte.

An der Festung Kostrzyn

Der Radweg wird jetzt bis auf weiteres auf dem Deich geführt, mal etwas breiter asphaltiert, mal in der Breite etwa zweier Räder gepflastert. Dabei hat man eine wunderbare Übersicht über das flache Land, jenseits des Deiches genauso wie über die abwechslungsreiche Auenlandschaft zwischen Oder und Deich. Bis Küstrin-Kiez habe ich jetzt noch etwa 15 km zu fahren. Auf dem Deich komme ich relativ schnell voran. Der Wind hat inzwischen etwas nachgelassen und da ich jetzt in Richtung Südosten fahre, habe ich ihn nun hauptsächlich im Rücken. Nach den inzwischen mehr als fünf Stunden im Sattel ist die Entspannung willkommen. Mit dem Wind im Rücken macht sich auch die Sonne wieder angenehm bemerkbar.
Bei Bleyen verlässt der Radweg die Spitze des Deiches und führt um das kleine Dorf Kuhbrücke herum. Wo der Name dieser kleinen Siedlung wohl herstammen mag? Schließlich komme ich an den Rand von Küstrin-Kiez. Dort geht es über die alte Eisenbrücke hinüber auf die Insel in der Oder und weiter auf die Landzunge zwischen Oder und Warta, auf der die alte Festung Kostzryn noch in Resten zu besichtigen ist. Die Mauern sind allemal beeindruckend und innerhalb der Mauern lassen einen die seit Jahrzehnten mit Büschen und Bäumen überwachsenen Gebäudereste allenfalls eine schwache Idee über die einst hier blühende Grenz- und Festungsstadt entwickeln.

An der Oder

Der Oder-Neiße-Radweg führt auf deutscher Seite weiter entlang des Deiches in Richtung Süden. Die Wiesen und Auen sind tiefgrün, der Himmel in der Nachmittagssonne tiefblau, die Laubbäume zeigen trotz des bald endenden Sommers noch wenig Farbänderung.
Am Deich wachsen viele Wildblumen, die jetzt immer noch in Blüte stehen. Sich kurz in der Sonne ins Gras zu legen und den Duft des Grases und der Blüten aufzusaugen, versetzt meine Gedanken kurz in eine andere Welt. Mit der langsam tiefer sinkeden Sonne wird es aber auch langsam etwas kühler.
Inzwischen ist der Hunger groß und mein kleiner Proviant vom morgendlichen Frühstück ist längst aufgebraucht. Entlang des Radweges bzw. des Deiches gibt es praktisch keine gastronomische Versorgung. In Küstrin-Kiez hätte ich auf die Suche gehen können, oder auch in Reitwein, aber diese Orte sind jeweils nicht direkt an meiner Strecke gelegen, sondern befinden ein Stück abseits der Oder. Ich entschließe mich dann dazu, in Lebus eine Pause einzulegen, das liegt direkt am Weg und dort möchte ich mir noch die Oderhänge ansehen.

An der Oder

Zu empfehlen ist das kleine Café 'Oderblick' mit direkt oberhalb der Oder gelegener Terrasse. Man hat von dort einen schönen Ausblick hinüber zum polnischem Ufer des Flusses. Neben verschiedenen Kuchen und einem improvisierten Apfelstruel bekommt man hier auch Fischgerichte und eine leckere Fischsuppe.

Bis zur Stadtgrenze von Frankfurt sind dann noch etwa 5 km zu fahren, wobei die Strecke entlang der Oderhänge alles Andere als eben ist. Bis zum Bahnhof in Franfurt muss man weitere 2 km anhängen, der Bahnhof selbst liegt auf dem Klenksberg, am anderen Ende der Stadt. Wer es eilig hat, sollte also rechtzeitig dorthin aufbrechen. Die Regionalzüge in Richtung Berlin fahren aber beinah jede halbe Stunde von hier ab.

Für diese Tour empfohlene Karten:
Radwanderkarte 208 Märkische Schweiz und Oder-Seengebiet
Maßstab 1:100.000
PUBLICPRESS Publikationsgesellschaft mbH ISBN 3-89920-208-2

Märkische S5-Region Topographische Freizeitkarte 1:50.000 Nr. 29
Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg ISBN 3-7490-4163-6

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