Flache Strecke am Alpenrand - Zürich-Marathon - 20.04.2008

Zürich

bietet eine kleine und überschaubare Marathon-Veranstaltung mit einer flachen Strecke mit Wendepunkt, die zweimal durch einen Teil von Zürichs Innenstadt geführt wird.

Ber der 6. Auflage am 20.04.2008 starten etwa 4800 Läuferinnen und Läufer auf der Landiwiese am nordwestlichen Ufer des Zürichsees. Die Startzeit ist mit 8:30 Uhr verhältnismäßig früh angesetzt, die Zufahrt zum Startgelände mit Tram oder S-Bahn problemlos möglich.

Eine kleine Sportlermesse im Rahmen der Startnummernausgabe in der sonst für Hand- oder Basketballspiele genutzten Saalsporthalle am Rande der architektonisch modern gestalteten Sihl-City gibt den örtlichen Sportartikel-Händlern Gelegenheit, ihre Produkte zu präsentieren. Davon könnte in Zukunft noch mehr Gebrauch gemacht werden.

Auf die sogenannte Pastaparty aber kann man getrost verzichten.

Marathon-Info

Zürich-Marathon am 20.04.2008

Die kleine Fußgängerbrücke, die über die Startgasse hinweg führt, biegt sich beinah unter der Menge der Fotografen, die jeder für sich das beste Startfoto haben wollen.
Ich muss hier noch einmal hinüber und zu den Bahngleisen, auf denen ein Zug Posttransportwaggons steht, um die Kleiderbeutel der Läufer während des Rennens aufzubewaren. Meinen Beutel muss ich noch abgeben, bevor ich mich gleich in das Starterfeld einsortiere.

Die ca. 4800 Starter laufen schon bald jubelnd darunter hindurch und machen sich von hier aus auf die Strecke eines der flacheren Marathons, die nach den Regeln der AIMS vermessen sind.
Mit etwa 30 Metern Höhenunterschied wirbt der Veranstalter. Doch zunächst ist die Strecke einfach nur flach und schon nach etwa drei Kilometern laufen wir mitten durch Zürichs Zentrum. Es ist noch vor 9:00 Uhr und offenbar an einem Sonntag trotz des schönen Wetters einfach zu früh, denn es ist nichts los. Die Innenstadt wirkt sehr ausgestorben.
Erst ein kurzes Stück vor dem Bahnhofsplatz wird es lauter. Die Gruppe brasilianischer Tänzer bringt einen Samba aufs Pflaster, dessen Rythmus und Musik plötzlich auch den Laufrythmus bestimmt. Die Strecke führt erst in einiger Entfernung an der Rückseite der Bühne vorbei, wendet dann in der schmalen Linthescher Gasse, noch in Hörweite, und kommt kurz danach in der Bahnhofstraße wieder zurück, nun in südlicher Richtung, die Sonne ab jetzt immer im Blickfeld.

Vorhin bin ich hier noch mit der Tram in Richtung Start geschaukelt, jetzt gehört die Straße uns Läufern. Und Publikum will sich noch nicht so recht einstellen. Egal, das Wetter ist sehr schön und die Bahnhofstraße führt in Richtung des Zürichsees und über dem See, in der Ferne, öffnet sich eine wunderbare Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel der nördlichen schweizer Alpen. Grandios.
Auf der Quaibrücke überqueren wir die Limmat, die hier aus dem See entspringt, passieren anschließend den Bellevueplatz, um dann weiter am östlichen Ufer des Zürichsees entlangzulaufen. Die Strecke führt bis hinunter nach Meilen und dort bei etwa Kilometer 19 befindet sich der Wendepunkt der Strecke.
Und den wollen die Leute sehen. Hier hat sich eine große Menschenmenge entlang der schmalen Winkel- und der Dorfstraße von Meilen gesammelt. Durch die schmale Winkelstraße geht es etwa 200 Meter lang aufwärts und vom Seeufer weg, danach müssen wir wieder nach Zürich zurück.

Hier liegt auch die Kontrollzeitnahme und hier spielt auch eine zünftige Blaskapelle eine lustige Musik. Wie auch schon an einigen anderen Punkten vorher. Die Strecke als solche bietet wenig Abwechslung, an einigen Stellen aber eine tolle Stimmung und Live-Musik mit jungen Rockbands, gestandenen Blues-Bands aber auch Blaskapellen.
Das ist ein ganz schöner Kontrast, nicht in der Dichte entlang der Strecke wie bspw. in New York, aber dennoch ist es offenbar auch fürs Publikum eine schöne Abwechslung, handgemachte Musik auf der Straße zu haben.
Nur eine der Blaskapellen entlang der Strecke passt nicht so ganz zu der für diesen Lauf benötigten Stimmung. In die wunderschöne Landschaft und den an dieser Stelle freien Blick über den Zürichsee passt sie allemal. Aber nett, wie adrett die Bläser auf der Terasse oberhalb des Ufers arrangiert auf ihren Stühlen sitzen und ihr Dirigent beschwingt den Taktstock führt.

Mit etwa zwölf Kilometer pro Stunde Laufgeschwindigkeit ziehe ich an ihnen vorbei, wie auch auf der gesamten Strecke. Selten bin ich in so einem konstanten Tempo gelaufen. Vom Start weg fünf Minuten pro Kilometer, beinah durchgängig. Die ersten beiden Kilometer knapp darunter und gelegentlich auch mal wenige Sekunden langsamer. Ich versuche einfach, nach Puls zu laufen, später nach Wohlbefinden. Fünf Minuten pro Kilometer scheint dabei mein ideales Lauftempo zu sein.

Vom Bellevue aus in Richtung Süden verläuft die Strecke nahezu schnurgerade. Nicht ganz, denn tatsächlich windet sich die Straße entlang des Zürichsees in leichten Bögen, die mal langgezogen sind und kaum auffallen, mal aber auch deutlich die Richtung verändern, so dass schon allein dadurch für Abwechslung gesorgt ist. Irgendwo zwischen Kilometer sechs und sieben werde ich von der Traube um die 3:30-Tempomacher überrannt. So kommt es mir wenigstens vor. Das ruhige Laufen ist nun erstmal vorbei, denn auf einmal bin ich von einer dicht beieinander bleibenden Schar Läufer eingeschlossen und komme aus meinem bisher so schön gleichmäßigen Tritt. Mist! War ich bisher doch zu langsam?
Ich habe eher den Eindruck, dass die beiden Ballonträger etwas zu schnell unterwegs sind. Aber vermutlich täuscht dieser Eindruck. Mich wundert es jedenfalls, dass ich die 3:15-Pacer gar nicht habe vorbeilaufen gesehen, denn am Start hatte ich mich ziemlich weit vor den ganzen Ballons, die jeweils groß und deutlich mit den Zielzeiten beschriftet waren, in die Menge sortiert. Wahrscheinlich hatte ich mich zu sehr darauf konzentriert, mit dem Startsignal nicht zu schnell in die Strecke zu gehen, dass ich sie nicht weiter bemerkt habe. Das war so auch ganz gut, denn vielleicht hätte ich versucht, mich dran zu hängen.
Ich mache mir hier keinen Stress wegen der möglichen Zielzeit, heute nicht. Die Dreistundendreißiger aber lasse ich nicht mehr aus den Augen. Mit dem kleinen Pulk mitzulaufen, nervt mich aber doch schon bald, denn einige der Aspiranten sehen es offenbar etwas ernster als ich, an den Ballonläufern dran zu bleiben.

Inzwischen ist die Lufttemperatur auf einen mir angenehmen Wert gestiegen. Die Sonne scheint mir nicht mehr ständig ins Gesicht, ein feines Wolkenband hat sich bereits am Himmel gebildet, das geringfügig dämpft. Bei Kilometer Acht taucht bereits der zweite Verpflegungsstand auf. Etwa alle drei Kilometer stehen an der Strecke Getränke zur Verfügung, anfangs nur Wasser in kleinen PET-Flaschen, später auch Isotonisches und irgendwann Bananen und Bruchstücke von Powerbar-Riegeln.
Am ersten Punkt, kurz vor Kilometer Fünf, waren die Helfer noch etwas unvorbereitet und kamen mit den kleinen 0,33 Liter-Flaschen gar nicht hinterher. Ich musste einige Sekunden warten, da ich unbedingt eine Flasche haben wollte, um den Kopf nass zu bekommen. Den Kopf kühl zu behalten war mir von Anfang an wichtig. Später klappt das Verteilen des Wassers aber richtig gut. Die kleinen Flaschen stehen dann meist schon geöffnet auf den Tischen bereit, oder werden mir im Vorrüberlaufen in die Hand gedrückt.
Es sind immer mehrere Tische mit einigem Abstand zueinander vorhanden, was den Ansturm der Läufer etwas entzerren hilft. Trotzdem gerät man auch immer wieder an diesen Stellen aneinander. Es gibt aber kein ernstes Gedränge an den Verpflegungsstellen, nicht, soweit ich es übersehen kann.

Die Strecke entpuppt sich dann gar nicht so sehr geradlinig und langweilig, wie anfangs vermutet. Die Seestraße windet sich in langgezogenen Bögen, kommt vom direkten Ufer weg, führt durch grüne Wohnabschnitte und durch die kleinen Ortskerne von Zollikon, Küsnacht, Erlenbach, Herrliberg bis nach Meilen. An zwei Stellen sind deutliche Höhenunterschiede zu überwinden. Na, eigentlich nicht der Rede wert - aber sie sind da.
In südlicher Richtung fällt es stärker auf, als später auf dem Rückweg. Das sind nur einige Meter, die es zwischen den Kilometern 14 und 15 abwärts geht, aber man beschäftigt sich damit. Ich ziehe in Gedanken Vergleiche mit anderen Strecken, insbesondere mit der des Boston-Marathons, aber es ist natürlich nicht vergleichbar. Es stellt hier auch nicht wirklich eine Beanspruchung dar. Nach der Hälfte der Strecke greife ich auch bei dem hier angebotenen isotonischen Sportgetränk zu. Es erscheint mir hier während des Laufs gar nicht so süß wie noch vor zwei Tagen aus den Probierbechern auf der kleinen Marathonmesse. Das Wasser lasse ich deswegen aber nicht wegfallen. Ein paar Schlucke für den Magen und etwas mehr davon für den Kopf. Mit dieser Aufteilung komme ich gut zurecht.

Die Schmerzen in den Oberschenkeln kommen erst nach Kilometer 30. Zunächst leicht, aber sie sind nicht zu verdrängen. Ich habe nicht besonders auf diesen Marathon trainiert, das konnte ich schon mal besser bzw. konsequenter. Aber ich breche hier nicht ein, werde auf den letzten Kilometern nicht wirklich langsamer.
Es läuft nicht so, dass ich sagen würde, ich will hier raus.

Die Bedingungen bleiben bis zum Ende der Strecke und darüber hinaus gut. Die Lufttemperatur ist seit dem Start nicht weit gestiegen. Gegen 12:00 Uhr, bei meinem Zieleinlauf sind es vielleicht 15, vielleicht auch 16 Celsius. Der Himmel ist jetzt etwas stärker bewölkt und sorgt für richtiges Wohlfühlwetter und ein angenehmes, nicht zu schnelles Abkühlen des Körpers nach dem Lauf.
Zwischen den Kilometern 33 und 36 ist eine Schleife in die Strecke eingefügt, die dafür sorgt, dass die Gesamtdistanz erreicht wird, ohne das Start und Ziel an verscchiedenen Orten liegen müssen. Ein Streckenpuffer, über den wir uns allmählich dem Seeufer und dem Bellevueplatz nähern. Erst auf der Seefeldstraße in Richtung Norden bis zur Falkenstraße, dann über die Dufourstraße wieder zurück bis zum südlichen Zipfel des Zürichhorns und schließlich durch diese kleine Parkanlage und auf der anschließenden Bellerivestraße endgültig weiter in Richtung Norden und zurück zur Quaibrücke.

Die wenigen hundert Meter entlang der hübschen Parkanlage am Zürichhorn führen auch an einigen Verkaufsbuden eines kleinen Jahrmarktes mit Karussell vorbei. Buden für Popcorn, Crêpes und Bratwurst, welch eine schwere Prüfung bei den leckeren Düften.
Ich komme aber schnell dran vorbei und bin bald auch wieder in der züricher Innenstadt. Und jetzt, mehr als drei Stunden nach dem Startsignal, haben sich hier viele Menschen eingefunden, die mit ihrem Applaus und ihren Rufen uns Läufer die letzten Kilometer etwas erleichtern. Na beinah, laufen muss ich schon noch selbst. Bei etwa Kilometer 38 tanzen immer noch die Brasilianer, fast so frisch wie zweieinhalb Stunden zuvor. In den kleineren Straßen der Innenstadt sind noch zwei weitere Verlängerungsschleifen in die Strecke gefügt, doch schließlich laufen wir nur noch geradeaus auf die Ziellinie und die Landiwiese zu.

Regeneration

Der Abstand zu den beiden 3-Stunden-dreißig- Luftballons, die auf den letzten Kilometern immer vor mir herliefen, wurde zuletzt dann doch immer größer. Sie liefen am Ende dann doch etwas konstanter als ich und halten ihr Zeitziel erstaunlich punktgenau ein. Etwas mehr als eine Minute brauche ich insgesamt länger, aber damit bin ich angesichts des schönen Wetters und des reibungslosen Laufs auch vollauf zufrieden. Nach dem Überqueren der Ziellinie bleibt organisatorisch alles auf engem Raum. Innerhalb weniger Minuten habe ich eine Medaille um den Hals, ein Finisher-T-Shirt auf den Schultern, bin meinen Leih-Chip wieder los und habe auch schon meinen Kleiderbeutel wieder zurück. Jetzt ab auf die Wiese und in die Regeneration. Die Rasenfläche der Landiwiese, am Morgen noch sehr nass vom Tau, ist inzwischen fast abgetrocknet, kaum noch feucht. Es dauert eine Weile, bis ich mich umgezogen habe und endlich auch sitze. Hans treffe ich hier nicht, erst später im Hotel.

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