Eine Reise nach Manhattan - New York City Marathon - 04.11.2007

New York City

Die faszinierende Stadt an Hudson- und East-River ist für jeden Läufer eine Herausforderung. Viele Straßen sind chronisch vom Verkehr verstopft, viele Fußwege wegen dort stehender Baugerüste nur eingeschränkt belaufbar. Bautätigkeit ist offenbar eine elementare Beschäftigung in dieser Stadt.

New York City - man sagt, die Stadt erneuere sich immer wieder, stetig. Und das macht sie wirklich. In der Gegend, die für 4 Tage mein Quartier bleibt, zwischen 31ter und 30ter Straße, entlang der 6th Avenue, wird großflächig abgerissen, während etwas weiter südlich an der 6th Ave der nächste Büroturm bereits stetig in die Höhe wächst. Viele Gebäude sind im Sockelbereich und über die unteren zwei bis drei Geschosse eingerüstet.

Der Verkehr ruht wie angewurzelt in vielen der kleineren Ost-West-Querverbindungen und hat auch in den breiteren Nord-Süd-Avenuen kein richtiges Fortkommen. Stau herrscht in Manhattan auch, wenn der Tag schon weit fortgeschritten ist.

In diesem Chaos zu laufen, kann ganz spannend sein. Wie so oft sieht man dabei auch gleich eine ganze Menge mehr von der Stadt, als wenn man mit der Subway, mit dem Bus oder auch nur spazierend unterwegs ist. Man muss sich dem Verkehr auf der Straße wie auch auf den Fußwegen einfach anpassen, je nach Verkehrsfluss die Straßenseite wechseln und auch mal einen Straßenblock querab laufen und beim nächsten oder übernächsten wieder zurückkommen.

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New York City Marathon am 04.11.2007

Die kalte Dusche um kurz nach Fünf holt mich endgültig in den Tag. Es ist ein gutes Gefühl, so früh am Morgen schon munter zu sein und die sich voller Tatendrang spannenden Muskeln zu spüren. Noch in der Nacht, klarer Himmel, die letzten Sterne verschwinden in der aufsteigenden Dämmerung, beginnt der lange Weg, die lange Reise durch New York City bis an das Ziel im Central Park.

Ein Bus bringt uns durch die Stadt und auf Umwegen hinunter nach Staten Island an den weitläufigen Startbereich zum New York City-Marathon. Manhattan verlassen wir schnell über den Hudson River an diesem Morgen, einem Zeitpunkt ohne dem obligatorischen Stau, der sich ansonsten durch viele der weiten Straßen quält, oder besser: unter dem Hudson hindurch, denn diese Seite Manhattans ist hauptsächlich untertunnelt, was sicherlich auch daran liegt, dass der Hudson deutlich breiter ist, als der East River auf der östlichen Seite.

Wir kommen noch vor 7:00 Uhr im Startbereich an. Die Sonne kommt langsam hoch und spielt mit der Farbe des Himmels zwischen Rosa und hellem Blau und in die erwartungsvolle Stimmung, die sich auf dem weiteren Fußweg in die verschiedenen Startlager bemerkbar macht, mischt sich ein Gewirr der unterschiedlichsten Sprachen. Bereits kurz nach dem Bus-drop-off kommt man sich an dem ersten Klo-Häuschen näher. Noch bilden sich hier keine Schlangen von Wartenden.
Es sind drei Bereiche für die 40.000 Starter auf dem Gelände von Fort Wadsworth, einem Stützpunkt der Coast Guard, eingerichtet, die farblich verschieden markiert und voneinander etwas abgegrenzt sind. Das Gelände bietet viel Platz und anfangs ist die Zahl der sich einfindenden Läufer auch überschaubar. Das ändert sich aber schnell und die wenigen, verfügbaren Grünflächen sind mit Leuten angefüllt, die in den noch reichlich drei Stunden Zeit bis zum Start ausruhen und vorbereiten wollen. Wo die Sonne schon den Boden erreicht, ist es angenehm warm. Lange aber dominiert Schatten das Gelände. Herbstlich gefärbte alte Laubbäume sorgen für eine angenehme und beruhigende Atmosphäre.

Es gibt Bagels zum Frühstück (sehr fantasievoll!), Kaffee und reichlich Wasser. Die Betreuung ist sehr gut, auch sind Toiletten in ausreichender, ja unübersehbarer Anzahl vorhanden. Auch noch kurz vor dem Start sind hier nur sehr kurze Warteschlangen zu sehen. Über das Gelände sind viele Lautsprecher verteilt, über die permanent und in fünf verschiedenen Sprachen in einer betont freundlichen Weise Anweisungen und Hinweise gegeben werden. Das gibt dem Ort einen unwirklichen Touch. - Kurios. Aber um 10:10 Uhr gehts los.

Ich brauche nicht ganz fünf Minuten bis zur Startlinie und kurz vorm Überqueren der Linie läuft mir bereits der erste Adrenalinschauer durch den Körper. Mobile Zuschauertribünen in Form von oben offenen Doppeldeckerbussen sind mit jubelnden Menschen angefüllt und die jetzt von Tausenden von Marathonläufern passierte Auffahrt hoch auf die Verrazano-Narrows-Bridge wird sehr pathetisch mit Musik beschallt.

Die erste Meile, ein heftiger Anstieg. Zeit, sich einzulaufen, während in weiter Ferne die Skyline vom Southend Manhattans im dunstigen Sonnenschein herüberlugt. Gigantisch, dieser Start in einen Marathon; so perfekt alle Klischees bedienend, die ich im Kopf mit mir herumtrage. Habe ich mir das so in dieser Form gewünscht?
Die erste Meile ist trotz des Anstiegs um etwa 40 Höhenmeter schnell vorbei. Auf der rechten Brückenseite, tief unten in der Hudson Bay liegt ein Löschboot der Küstenwache und salutiert aus der Ferne mit farbigen Wasserfontainen. Gesehen habe ich dieses Bild vorher schon, im Fernsehen oder auf Fotos? es hier selbst zu erleben, ist nur einer der überraschenden Punkte auf meiner Reise durch die Stadt New York.

Eine weitere Meile geht es auf der anderen Hälfte der Brücke auch wieder abwärts. Ich lasse es vorsichtig laufen. Vom Start weg ist das Läuferfeld in drei Ströme aufgeteilt. Diese Teilung wird bis etwa Meile acht aufrecht gehalten, um die unterschiedlichen Längen der Auf- und Abfahrten der Brücke (immerhin zwei Ebenen, deren Rampen den sonst hier fließenden Fahrzeugverkehr weiträumig zu entzerren suchen) mit leicht abweichenden Streckenführungen kompensieren zu können.
Hier auf der Brücke trennt einmal die niedrige Betonwand zwischen den Fahrtrichtungen und außerdem trennen die beiden erwähnten, übereinander liegenden Fahrbahnebenen. Ich starte mein Rennen oben auf der Brücke. Am Auslauf der Brücke gehen die drei Wege etwas deutlicher auseinander und das Läuferfeld ergießt sich hinein nach Brooklyn.

Ab hier wird die Strecke von schwarz gekleideten Polizisten flankiert und ein kurzes Stück hinter der Brücke, nach einer sich lang hinziehenden Linksbiegung folgt ein schmaler Grünstreifen mit hohen Büschen und einzelnen Bäumen, in den dutzende von Läufern verschwinden, um schnell noch etwas loszuwerden. Die Polizisten nehmen das natürlich wahr und amüsieren sich offenbar, haben auch sonst ihren Spass mit den in dieser frühen Phase des Rennens so euphorischen Läufern. Das sieht man ihnen bei dem kurzen Augenkontakt im Vorüberlaufen einfach an.

Wir hängen hier noch dicht gedrängt zusammen, ein freies, selbstbestimmtes Laufen ist jeweils nur für kurze Abschnitte möglich. Dann wieder abstoppen, die Lücke suchen und weiter.
Dieser südliche Teil Brooklyns lässt mich kaum an New York denken. Aber die Stadt besteht eben nicht nur aus Manhatten, mit den nicht enden wollenden Büro- und Wohntürmen. Die Stadt umfasst eine riesige Fläche besiedelten, bebauten Gebietes und so fällt es den New York Road Runners auch nicht schwer, hier einen Marathon-Kurs abzustecken, der aus einer beinah geraden Punkt-zu-Punkt-Verbindung besteht. Nicht ganz, denn es gibt eine Art Wendepunkt nach etwas über 20 Meilen (in der Bronx), und 'beinah' heißt, dass es natürlich auch hier Haken und Ösen, Kurven, 90-Winkel und steilere Kanten gibt. Die Hauptrichtung ist aber von Süd (Übergang zwischen Staten Island und Brooklyn) nach Nord bis in die South-Bronx und wieder nach Süden durch Manhattan, den gesamten Central Park entlang und schließlich dort hinein.

Doch zunächst laufen wir durch ein eher beschauliches Brooklyn. Downtown Manhattan ist noch weit und man hat hier wirklich nicht den Eindruck, in New York zu sein. Wären wir nicht eben über die Brücke gelaufen, die natürlich eines ihrer Wahrzeichen ist. Die 4th Avenue ist für die nächsten sechs Meilen ein nahezu gerades Laufband für den Strom der Läufer. Zur Straßenmitte hin läuft es sich jetzt sogar recht gut. Die Zuschauer aber stehen vier, fünf Fahrspuren entfernt am Straßenrand, im Schatten, und heizen von dort aus ein. Durch den harten Kontrast zwischen Gegenlicht von der herbstlich grellen Sonne und dem Schatten der Häuser am Straßenrand sind sie für mich schwer auszumachen. Auf der Straße bist du im Sonnenschein und es läuft sich so toll - mit dem Lauftempo aber halte ich mich zurück. Es ist inzwischen angenehm warm.
Wenn auch die Strecke nun tatsächlich schnurgerade durch Brooklyn verläuft, so ist es doch auch sehr wellig und alles andere als weit überschaubar. Die Straße ist inzwischen breit genug für ein komfortables Laufen. Unter der Straßenmitte verläuft hier die U-Bahn, wie ein einige Meter breiter Streifen von Gitterrosten, eingelassen in einen über dem Fahrbahnniveau deutlich erhöhter Betonsockel vermuten lässt. Unterbrochen jeweils von Querstraßen ist dies gleichzeitig auch die Abgrenzung zwischen den hier immer noch getrennt gehaltenen Laufstrecken. Für das eine oder andere Foto unterwegs mal eben dort hinaufgesprungen, behindert nicht den Läuferfluss.

Es gibt Musik an der Strecke. Live. Einfach improvisiert, oder auch sehr professionell klingend. Die Band ist hinter dem Spalier der jubelnden Menge am schattigen Straßenrand erst gar nicht auszumachen, lediglich zu hören. Und das schon von weitem. Erst im Vorbeilaufen sehe ich Schlagzeug, Bass, Gitarre - Rock pur, Klasse! Und es bleibt nicht bei einer kleinen Band an dieser einen Straßenecke. Es werden unübersehbar viele entlang der ganzen Strecke. Teilweise ist der Sound der einen noch nicht wieder aus den Ohren, da treibt dich der nächste Rythmus schon auf die nächste Kreuzung oder zieht dich unter der nächsten Brücke hindurch, um die nächste Ecke - es motiviert dich immer weiter. Daumen hoch, es läuft sich so wunderbar.

Manch Marathoni bürdet sich bei diesem Lauf eine zusätzliche Last auf und trägt die Fahne seines Landes mit sich, oder macht mit einem verückten Kostüm auf sich aufmerksam. Bis er sich kurz vor dem Ziel dann doch von mir absetzt, rennt ein Italiener immer wieder einmal in meiner Sichtweite mit einer dichten, feuerrot aufragenden Perücke. Einen Slovaken, der mit seiner Fahne etwas zu kämpfen scheint, überhole ich schon früh bei etwa Meile Vier. Jemand aus der Reisegruppe, mit deren Organisation ich nach New York gekommen bin, ein offenbar überzeugter Bayer, rennt sogar in seinen wadenlagen schweren Lederhosen. Das sehe ich aber erst später auf Fotos.
Ich mache lediglich mit meinem roten Hemd Werbung für den Berliner Lauftreff, an dem ich immer wieder gerne beteiligt bin. Na ja, und für mich selbst auch, und die Wirkung bei den Zuschauern, die mir meinen Namen immer wieder entgegenrufen, ist einfach genial.

Bei Meile Acht wird das bisher auf der linken Hälfte der 4th Avenue getrennt gelaufene Läuferfeld noch in einem Haken von etwa 300 Yards Länge von der Strecke weggeführt. Danach werden die drei Läuferströme zu einem verschmolzen. Die Strecke knickt hier leicht nach Osten hin ab, der folgende Anstieg war vorher nicht zu sehen, aber er schlägt hier kurz und unerbittlich zu. Clinton Hill. Rechts und links der Strecke ist ist das Publikum inzwischen unüberseh- und unüberhörbar. Sie treiben dich an, sie ziehen dich - sie schreien dich regelrecht vorwärts. Und sie rufen dich bei deinem Namen, den du ja in großen Lettern auf die Brust gedruckt mit dir trägst.

Nie habe ich meinen Namen öfter während eines Marathons gehört, als hier, bei meinem bisher zwölften Lauf dieser Art. Einmal Marathon: immer wieder gerne. Allein dieses ständige Gefühl, persönlich beachtet zu werden, als winziges Subjekt in der gewaltigen Masse ist ein Highlight diese Laufes durch dieses vielschichtige New York. Dann etwa 90 nach Westen, genau an der 15km-Marke, und mitten auf der Straße, in einer weiteren kurzen Steigung hinauf nach Williamsburg, auf einmal ein Hindernis, das von einigen Polizisten vor dem Läuferstrom abgeschirmt wird. Jemand liegt offenbar am Boden, es kniet jemand daneben - ich sehe nicht genauer hin. Diese nur kurze Steigung hat es nach den neun bisherigen Meilen voller Euphorie einfach in sich. Die Strecke ist zu keiner Zeit leicht zu nehmen, die Stadt ist auf felsigem, welligem Untergrund erbaut worden. Das merkt man in ihren Straßenzügen - schnurgerade aber so uneben. In der Ferne ist bereits die Skyline Manhattans zu sehen. Das ferne Ziel. Noch lange nicht daran zu denken. In einer sehr langen Rechtsbiege geht es erst noch weiter durch Brooklyn.
Ich hätte es eignetlich nicht erwartet, aber auch in New York wird die Strecke ein Stück weit durch Industriegegenden geführt. Kurz vor Meile Elf, auf Höhe der Wiliamsburg-Bridge überragt deren Verlängerung nach Brooklyn hinein auch die Laufstrecke. Eine mehrgeschossige Bahn- und Straßenbrücke. Auf oberster Ebene rollt die Subway vorbei. Aus der Ferne wirkt die Brücke wie eine Mauer, hochaufragend zwischen den links und rechts der Strecke ebenfalls hoch ausgezogenen Fassaden der Gebäude. Dem Ende eines Canyons gleich. Wie ein wabernder Teppich zieht sich das dichte Band der Läufer darauf zu und schließlich drunter durch. Nur zwei weitere Meilen bis zur Halb-Marke.

Dann ist die Hälfte der Strecke absolviert, einfach vorbei. Ins Gedächtnis übernommen und schon Geschichte. Rund 105 Minuten bin ich jetzt auf der Strecke. Ich wollte hier etwas eher durchkommen, habe aber von vornherein die Zwischenzeiten nach jeder Meile auf sich beruhen lassen. Es läuft sich eh so, wie es sich läuft. Schneller zu werden, bedeutet auch mehr. Stress zu haben, schneller auf langsamere Läufer aufzulaufen, die Lücke zu suchen, vorbei zu gehen und den Rythmus wiederzufinden. Bisher war das immer wieder nervig. Aber es gehört auch absolut dazu bei dieser Läufermasse. Es ist nunmal der weltgrößte Marathon. Am Ende kommen mehr als 38.000 Läuferinnen und Läufer ins Ziel. Der Frauenanteil liegt mit über 25% für amerikanische Läufe dieser Art recht niedrig, für europäische, insbesondere deutsche Verhältnisse immer noch sehr hoch. Das merkt man natürlich auch auf der Strecke. Und an der begeisterten Menschenmenge am Rand. Ganze Fanklubs feuern ihre Favotitinnen, Freundinnen, Mütter oder Töchter wie auch immer an. Das reißt dich natürlich auch immer wieder aufs Neue mit. Du bist ja mitten drin.

Es geht kurz hinter der Halbmarathonmarke über die verhältnismäßig kleine Pulaski-Bridge hinüber nach Queens. Schon ein gutes Stück bevor es auf die Brücke geht, wird der Blick über den weiter links liegenden East River hinweg auf das nun näher gerückte Manhattan frei. Nicht sehr spektakulär an dieser Stelle, Lower Manhattan mit dem Financial District liegt weit im Süden, aber die Rampe der Brücke zieht sich lang und oben, kurz vor dem Steuerhaus für den Klappmechanismus der Brücke, das mit seinem gewölbten Blechkleid an die 1950er Jahre erinnert, beeindruckt die Aussicht dann doch.
Weiter geht es durch den riesigen Stadtteil Queens, der mit gerade einmal zweieinhalb Meilen der Strecke viel zu gering beteiligt ist, wie ich finde. Es geht hier um einige enge Kurven und erneut werde ich hier von dem rockigen Sound der Straße überrascht und weiter geschoben. Schon folgt der nächste längere Anstieg hinein ins Untergeschoss der bzw. hinauf auf die Queensboro-Bridge und über Roosevelt Island hinüber nach Manhattan. Jetzt endlich, nach 25 gelaufenen Kilometern und als wäre der bisherige Beifall vom Rand der Strecke nur eine Übung gewesen, geht es nun hinein in einen frenetischen und bis zur Ziellinie nicht mehr enden wollenden Jubel.
Die Brücke ist ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, mit den hoch aufragenden Doppelstützpfeilern an den Haltepunktenan den Ufern des East Rivers und den in einer schmutzig-hellen Farbe gestrichenen Halteseilen und Verstrebungen, mit ihren beiden Fahrebenen, wovon die obere weiter benutzt wird, wie unschwer beim Belaufen zu hören ist, während sich der Läuferstrom erst von der östlichen Seite her die untere Ebene hinaufarbeitet, nur um sich mit leicht schmerzenden Oberschenkeln die westliche Seite, die viel steiler zu sein scheint, wieder hinab zu arbeiten.

Scharfe Linkskurve am Fuß der Brücke, die hier sonst rollenden Autos fahren sicherlich nur Schritttempo, ein Nadelöhr und das Tageslicht hat mich wieder. Der etwas mehr als eine halbe Meile lange Tunnel des Unterdecks der Brücke spuckt uns Läufer hinein nach Manhattan. Ein kurzes Stück entlang der 59ten Straße, dann biege ich in die gewaltige Breite der First Avenue. Gigantisch! Es geht jetzt direkt nach Norden und das Ende ist überhaupt nicht auszumachen. Muss auch nicht. Für etwa fünfeinhalb Kilometer geht es jetzt nur geradeaus. In langgezogenen Wellen, die jede für sich beißen könnte, ja beißen müsste. Diese Laufstrecke macht es dir zu keiner Zeit leicht. Sie zermürbt dich mit stoischer Gelassenheit und belohnt dich doch auch mit den Leuten, die sich am Rand dieser Strecke drängen. Auf der in Laufrichtung linken Seite der Staße ist es unüberblickbar eng hinter der Absperrung, die wohl deshalb auch nötig ist. Sind es vier oder sechs oder noch mehr Reihen von Menschen? Ich zähle sie nicht, nehme sie wahr, na klar, und höre ständig das Gekreische - und immer wieder auch Musik, Rythmus, Vortrieb.

Ein Schuhberater bei Paragon Sports hatte mir zwei Tage vorher schon gesagt, dass es ab Meile 17 laut werden würde, vergleichbar den Mädels von Wellesley-College an der Strecke des Boston-Marathon. Na, wirklich vergleichbar ist es nicht. Die Dimension der First Avenue schluckt durchaus auch ein wenig von der euphorischen Stimmung der Leute. Aber der Jubel ist toll. In der Menge sind einzelne Fanklubs auszumachen, die mit ihren Nationalflaggen die unterstützten Läufer auf sich aufmerksam machen wollen. Vereinzelt sehe ich die deutsche Fahne am Streckenrand, die Leute daneben kenne ich nicht. Sie mich offenbar auch nicht. Mit rund 2500 Läufern ist die deutsche aber die viertgrößte teilnehmende Fremdnation bei diesem Event. Wer wollte da wohl alle kennen? Neben Spanisch hört man auch sehr viel Italienisch und Französisch während des Laufs und hat es auch schon die Tage vorher vielfach in der Stadt gehört.

Die ausländische Beteiligung ist bei diesem Marathon traditionell sehr groß, so dass man ihn eigentlich als nicht-amerikanischen Lauf betrachten könnte. Aber das ist er dann natürlich doch nicht. Die Architektur links und rechts der First Avenue könnte amerikanischer nicht sein und the crowds an der Strecke, das so typisch amerikanische Publikum heizt dir ein, trägt dich immer weiter über die Unebenheiten, denn das Pflaster, der Asphalt ist stellenweise einfach sehr löchrig. Man muss schon hinschauen, ab und zu zumindest. Möchte man nicht unliebsamen Kontakt zum Boden bekommen. Aber auch auf die um einen selbst herumlaufenden Mitstreiter muss man immer ein Auge haben. Kurz vor einem der vielen Wasserstände, beinah an jeder Meile gab es etwas zu trinken, rannte mir jemand von hinten in meinen Schritt und schlug mir einen der beiden Füße weg. Das Straucheln konnte ich noch auffangen.
Aber innerlich habe ich geflucht. Das hätte auch eine unsanfte Landung werden können. Anderen Läufern ergeht es ähnlich, einer stolpert auch über meine Füße, obwohl ich versuche, ihn in einer gelaufenen Diagonalen zu passieren. Doch er hat einfach einen zu breit pendelnden Schritt. Kein Wunder, dass sich unsere Füße treffen. Das passierte aber schon lange vor Meile 16.

Die Breite der First Avenue gibt jetzt genug Raum, sich im Zweifel sogar aus dem Weg zu gehen. Ich genieße es, in der Mitte der Straße frei und voller Gedanken eine der langgezogenen Wellen hinaufzulaufen und auf dem Scheitelpunkt verharrend die in der diffusen Ferne sich verlaufende Menge mit den Augen aufzunehmen. Gewaltig. - Dann weiter und ich lasse mich näher an die Absperrung herantreiben, den Jubel aufzunehmen und kleine, fremde sich ausstreckende Hände abzuklatschen.
Der kurze Überflug landet schließlich an der Willis-Bridge, einer kleinen Klappbrücke, die Manhattan von der Bronx trennt. Einer Klappbrücke, deren Fahrbahnflächen fast vollständig aus dicken Gitterrosten bestehen. Was du hier verlierst und kleiner als ein Tennisball ist, fällt unwiederbringlich in den Seitenarm des East River hinunter. - Nicht ganz. Die Brücke ist heute für uns Läufer mit einem Vliesteppich abgedeckt, damit niemand an Kanten oder Löchern hängenbleibt und sich verletzt. Und bei näherem Hinsehen könnte es auch Golfballgröße sein, aber Kleineres fällt garantiert durch.
Am anderen Ende der Brücke, oder war es auf einem Zwischenabsatz? steht eine Gruppe von Dudelsackspielern. Vier oder fünf Mann. Leider hat der Sonnenschein sich inzwischen völlig zurückgezogen, es ist trübe bewölkt, und so kommen die dunklen Uniformen gar nicht richtig zur Geltung. 20 Meilen sind bis hierher absolviert.
Eine eindringliche Frauenstimme, deren Urheberin nicht gleich auszumachen ist, begrüßt uns Läufer bald nach der Brücke mit ihrem Sprechgesang in der Bronx. Dabei steht sie inmitten der Strecke, als Person nicht so voluminös, wie ihre Stimme glauben machen möchte, aber schwarz und das Mikrofon fest an ihren Mund gepresst. - welcome to the South Bronx; und die Strecke knickt vor einer großen Videowand, in der uns ein Spiegelbild des Läuferfeldes überdimensional entgegenläuft, nach rechts in einen Stadtteil New Yorks ab, der so gar nichts von den Klischees, die man davon hat, bestätigt. Nicht so einfach im Vorüberlaufen und nicht an diesem Sonntag. Es stehen hier deutlich weniger Zuschauer und das Polizeiaufgebot ist auffällig größer, und nach nur einer Meile geht es schon wieder hinüber nach Harlem.

Five miles to go - keine achteinhalb Kilometer mehr. Inzwischen sind auch meine Oberschenkel müde, schmerzt der Nacken, eine Verspannung, die mir häufig bei Läufen die über 30 Kilometer hinausgehen in die Muskulatur zieht. Ähnlich, wie es entlang der First Avenue die Upper Esat Side Manhattans hinaufging, geht es jetzt entlang der Fifth Avenue etwas zentraler und durch Harlem hindurch wieder südwärts. Nicht ganz schnurgerade, an dem parkähnlich gepflegten und völlig quadratisch angelegten Marcus Garvey Memorial Park wird die Linie unterbrochen. Rechts, links, links, rechts - und das Pflaster des Mount Morris Park Way ist besonders schlecht. Einige Läufer kürzen an den Ecken über den Bordstein ab. Meile 22 - ein weiterer Erfrischungspunkt. Die sind beinah alle nach gleichem Muster aufgebaut; erst gibt es klebriges Gatorade und die Mädchen brüllen Dir schon von weitem entgegen, was sie in den grün-orange gefärbten Pappbechern für dich in der Hand halten: - Gadorade, Gaaddorade! Ein wenig kaugummiweich gekaut hört sich der new yorker Slang an. Aber es ist immer eindeutig, was gemeint ist und ein paarmal greife ich auch zu. Immer nur wenige Schlucke und es bekommt mir ganz gut, auch ohne es vorher getestet zu haben. Gatorade Endurance Formula - ich werde es mir merken.
Nach diesem süßen 'Energy-Drink' folgt immer natürliches Mineralwasser, Poland Spring, in kleineren Bechern und manchmal auch mit einem gegenüber dem vorgenannten Hauptsponsor kleineren Angebot. Also rechtzeitig zugreifen, oder verzichten. Abstand zu halten ist nicht immer einfach, da die Stände stets an beiden Straßenseiten aufgebaut sind und sich manch Läufer erst spät (dazu gehöre ich manchmal auch) entscheidet, abzustoppen und zuzugreifen.

Einmal gehe ich auch leer aus, weil mir jemand den anvisierten Wasserbecher wegschnappt und der Stand plötzlich endet. Aber nicht schlimm, der nächste Stand folgt nach der nächsten Meile. Die Damen mit den Wasserbechern rufen schon etwas verhaltener - woader, WOADER! und nicht immer klappt eine fliegende Übergabe. Sie sind aber überall gut drauf und bleiben freundlich, entschuldigen sich, wenn jemand anderes knapp vor mir einen Becher wegschnappt. Zumindest in meinem Zeitfenster sind die Verpflegung und die Unterstützung entlang der Strecke perfekt organisiert.
Natürlich liegen an den Ständen die benutzten Becher dicht gedrängt am Boden, ist es dort teilweise etwas klebrig. Mehr als 5000 Läufer sind bereits vor mir durchgekommen. An vielen der Stände sind aber auch Leute mit Harken damit beschäftigt, den entstandenen Müll zusammenzukehren und einzudämmen. Sie schaffen es nicht, die Zahl der Läufer nimmt ja immer weiter zu. Die der verbliebenen Meilen nimmt weiter ab.

Die Bebauung entlang der Fifth ist nicht ganz so beeindruckend, wie die der First Avenue, aber auch hier reißt das Spalier der Leute an der Straße nicht ab. Mit Meile 23 komme ich auf Höhe des Central Park, ohne es zunächst zu bemerken, denn die Fifth Avenue ist bisher und generell grüner, hat mehr Bäume als die First. Und die Strecke will noch einmal meine verbliebenen Reserven prüfen. Der Anstieg hier ist nicht schlimm, zieht sich nur unabsehbar, solange ich den Scheitelpunkt nicht erreicht habe, es beißt in die Oberschenkelmuskulatur. Jetzt suche ich die Meilenmarkierung, die 23 hatte ich schon abgeschrieben - wo bleibt die 24? Rechts erstreckt sich der weitläufige Park, links stehen die Leute und feuern unermüdlich an, und die Straße schenkt dir kein Bisschen. Endlich Meile 24 und wieder dachte ich, ich hätte das Schild übersehen. Aber das ist eigentlich nicht möglich, die roten Kreise mit den Meilenangaben in weißem Rand auf leuchtend orangefarbenen Untergrund sind immer gut zu sehen.
Jetzt werden wir in den Park hinein geführt, das Spiel mit der Ideallinie auf den letzten beiden Meilen beginnt. Die blaue Linie folgt dem Asphaltband, das sich in Schnörkeln und Kurven durch den Park windet (in der Hauptsache parallel zu der rechteckigen Begrenzung des Parks) aber alles andere als geradlinig. Die Ideallinie aber schneidet alle Kurven. Auch ich mache das konsequent, auch wenn neben mir laufende Mitstreiter partout die Kurve auslaufen möchten.

Am südlichen Ende geht es aus dem Park wieder hinaus, scharf nach rechts und auf der 59te Straße weiter dem Ziel entgegen. Die letzte Meile ist einfach zäh, führt entlang des Central Park South. Dann der Antrieb zum Endspurt, das 1/2-Meilen-Schild, gleich darauf '800 Meter' und wieder in den Park hinein. Das Laub an den vielen Platanen ist noch überwiegend grün, geht teilweise aber auch schon in leuchtendes Gelb über - ein entspannender Anblick. Einfach laufen, dem sich windenden welligen Asphaltband einfach folgen. Tribünen erheben sich links und rechts der Strecke. Noch 400 Yards, noch 200, 100 und unspektakulär komme ich dem niedrigen Zielbogen näher. - Dann ist es vorbei, leichter Stau vor den Füßen, Glück im Bauch, einen lieben Menschen in Gedanken - dreieinhalb Stunden lang. Jemand drückt mir eine Medaille in die Hand, legt mir eine Folie über die Schultern. Von der Seite bekomme ich eine Tüte mit Essbarem, dazu noch Wasser und meine Hände sind belegt. Eine freundliche Dame heftet mit einem kurzen Klebestreifen die Folie unterhalb meines Kinns zusammen. Dutzenden von Heldinnen und Helden um mich herum ergeht es ähnlich. ".. I want to be a part of it, New York, New York.." ist eine wunderschöne Laufgeschichte geworden und im Auskühlen beim Schlendern durch den Park kriecht auch eine wohltuende Müdigkeit zaghaft in meine Muskulatur.
Der nächste wärmende U-Bahnschacht ist noch weit...

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