Fahrradreise durch Senegal und Gambia - Dezember 2009

Fahrradreise durch Senegal und Gambia in 5 Kapiteln


Flagge des Senegal
Flagge von The Gambia
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Das Hörstück zur Reise (ca. 7 MB)



Erstmal muss man hinkommen

Die Packtaschen habe ich im großen Rucksack untergebracht, die Lenkertasche hängt mir um den Hals, das Fahrrad selbst habe ich zerlegt in einer auf den Rahmenumfang angepassten Tasche über der Schulter. So stehe ich an einem Sonntagmorgen bei frostigen Temperaturen auf dem Bahnhof und möchte endlich starten. Michael treffe ich kurz bevor der Zug einrollt.

Es ist nicht ganz sieben Uhr und so früh an einem Sonntag im Dezember gibt es nur wenige Reiselustige in Richtung München. Wir hoffen deshalb darauf, die Räder (Michael hat seins unzerlegt in einen großen Karton gepackt) problemlos am Ende des Zuges hinter ein paar unbelegte Sitze laden zu können. Doch wir haben die Rechnung ohne genaue Kenntnis des Zugtyps gemacht, denn erstens hat dieser ICE der dritten Generation an seinem Ende einen Bereich der ersten Klasse (leider nicht die von uns bezahlte Kategorie) zwar mit großzügigem Sitzangebot, aber mit so wenig Stauraum, dass schon einfach dimensioniertes Gepäck (Koffer oder Taschen) hier ein Platzproblem hätte. Abgesehen von der oberen Ablage, aber ein Fahrrad hätte dort keine Chance.
Zum zweiten stolpern wir schon beim In-den-Zug-wuchten der Räder samt ihrer Verpackungen über den Zugbegleiter, der eine Miene vor sich her schiebt, als wäre sein Frühstückskaffee an diesem Morgen bereits erkaltet gewesen noch bevor er die Tasse vollständig ausgefüllt hatte. Er schien mit zwei linken Beinen auf seinem Tür-Absatz zu stehen und nur auf uns gewartet zu haben. Ob wir denn nicht wüssten, dass wir mit unserem Sperrgepäck besser beim Frachtversand der Bahn aufgehoben wären als ausgerechnet in seinem ICE, er wäre doch kein Stückguttransporter und hätte das Recht, uns von der Mitnahme auszuschließen.

Na besten Dank, das hätte noch gefehlt. Ausgebremst schon vor dem eigentlichen Start, denn der war ja erst für mittags am Frankfurter Flughafen geplant. Gemeinsam mit der Reisegruppe. Bis dahin mussten wir vor allem rechtzeitig in Leipzig umsteigen.
Wir besänftigten unseren Schwerenöter, indem wir unser Sperrgepäck ordentlich im Gang verzurrten und uns für unsere Unkenntnis der Beförderungsbestimmungen entschuldigten. Mir träumte von Afrika, wo es zwar viele zivilisatorische 'Errungenschaften'  wie öffentlichen Personennahverkehr oder ein dichtes Eisenbahnnetz nicht gibt, aber dafür auch kein derart unflexibles Regeldenken.

Nach dem zugegebenermaßen pünktlich erreichten Anschlusszug in Leipzig, mit einer viel verständnisvolleren Zugbegleiterin, die sich für unser unhandliches Gepäck überhaupt nicht interessierte, und einer recht angenehmen Fahrt durch Thüringen und den Hessischen Spessart, treffen wir am Frankfurter Flughafen im Check-In-Bereich unserer Fluggesellschaft auf die dort schon wartende Gruppe. Man ist etwas beunruhigt, als wir ankommen, da die Beauftragten der Fluggesellschaft am Check-In die Räder ohne zusätzliche Gebühren zu kassieren, nicht abfertigen wollen. Zwei der Mitradler hatten bereits, wenn auch missmutig, vorab bezahlt. Es soll ja schließlich weitergehen. Dabei wurden wir bereits vor Tagen durch unseren Tourenleiter davor gewarnt, denn es war etwas Anderes mit der Gesellschaft vereinbart.

Ein kompetenter Vertreter der marokkanischen Fluggesellschaft ist dann aber schnell gefunden und nach einer mehrfach durch Störungen unterbrochenen Diskussion erhält unser Tourenleiter die Bestätigung, dass unsere Fahrräder – immerhin neun Stück – ohne Aufpreis transportiert werden.

Und wie unterschiedlich die Verpackungen jedes einzelnen von uns aussehen: zwei sind lediglich in eine Plastikplane geschlagen, die aber das Rad nur zum Teil abdeckt, diverse Schaumstoffteile schützen die hervorstehenden Anbauten. Zwei Räder sind zerlegt in Transporttaschen verpackt, die zwar alle Teile jeweils komplett umschließen, die aber vor derben Schlägen kaum schützen können. Die restlichen Räder sind in Kartons sehr unterschiedlicher Größe verpackt, teilweise ebenfalls zerlegt, aber meist mit montierten Rädern und nur umgeklapptem Lenker. Zwischen 'versandfertig verpackt' und 'ungeschützt' sind alle Abstufungen vertreten, dabei sind die Vorgaben der Fluggesellschaft klar: das Rad muss in einem Fahrradkarton verpackt angeliefert werden, die Luft aus den Rädern gelassen, die Lenkstange parallel zu Rahmen und Vorderrad umgeklappt sein; die Pedale demontiert. Eigentlich ganz einfach.

Plötzlich löst sich der Stau am Check-In. Wir werden abgefertigt, die Räder werden von Transport-Mitarbeitern des Flughafens direkt abgeholt, später sehen wir sie noch auf Gepäckwagen bei der Beladung des Flugzeugs, wir bekommen unsere Bordkarten für die beiden aufeinander folgenden Flüge und viel Zeit bleibt inzwischen auch nicht mehr bis zum Einsteigen.

Beladen des Flugzeugs

Wir fliegen etwa dreieinhalb Stunden bis nach Casablanca, wo wir in der bereits einsetzenden Dämmerung landen. Der Himmel über Marokko ist an diesem Abend blau und klar, die Gegend um Casablanca ist grün und von oben sehen die offenbar landwirtschaftlich genutzten Flächen bunt wie ein Fleckenteppich aus. Eine erste Gewissheit macht sich breit, dem Winter in Deutschland für eine Weile entflohen zu sein.

In Casablanca haben wir ungefähr noch einmal drei Stunden Aufenthalt, die wir mit Kaffeetrinken im unteren Bereich des Flughafens bei süßem, marokkanischem Gebäck und schließlich mit gelangweiltem Warten im Abfertigungsbereich des internationalen Terminals verbringen. Von hier aus starten viele Flüge in die west- und nordafrikanischen Länder, der Flughafen dient gewissermaßen als Drehscheibe für den Kontinent. Eine von mehreren dieser Art.
Die Menschen, die hier ebenfalls auf Anschlussflüge warten, stammen denn offenbar auch aus allen möglichen Gegenden des Kontinents. Schwarzafrikaner wie Araber, Berber, Pilger, viele in ihren traditionellen, bunten Kostümen und Kleidern, aber auch in einfachen Kaftans oder Djellabas. Es sind sehr viele gläubige Moslems darunter, Männer wie Frauen, die sich zu gegebener Zeit auf einem Tuch oder einem kleinen Teppich zum Gebet niederlassen und sich von den wenigen Europäern in der großen Terminal-Halle dabei überhaupt nicht stören lassen.

Da sitzt man in den Schalen der Sitzreihen neben dem Dutyfree-Shop, gemeinsam mit dicken afrikanischen Frauen und schwarzhäutigen, schlanken Männern in korrekt sitzenden Anzügen, zwei Meter von der Gebäudewand entfernt entlang derer in Tücher gehüllte Frauen und Männer auf dem Boden auf ihrem kleinen Teppich sitzen, barfuß in Badelatschen oder anderen einfachen Schlappen, ihr Handgepäck in Form von dünnen Plastiktüten neben sich.

Der weitere Flug durch die Nacht bis nach Dakar beginnt mit den unmissverständlichen Gesten eines jungen Mannes, der unbedingt noch etwas auf der Toilette loswerden muss, bevor die Maschine startet. Die Kabine der Boeing 737-500 der Royal Air Maroc ist an den Innenwänden oberhalb der kleinen Fenster und an den Trennwänden zur First Class mit orientalischen Ornamenten in dezentem Rot und Grün verziert, die Flugbegleiter hatten bisher keinen Grund, ihr freundliches Lächeln abzulegen, insofern ist die Atmosphäre in der Kabine sehr entspannt. Die Grimassen des Komikers in einer der vorderen Reihen nun, während das Flugzeug bereits in Richtung Startbahn rollt und sein vulgärer Ausbruch sorgen für einige Unruhe, die jedoch von den Begleiterinnen gar nicht kommentiert wird. Er springt schließlich auf, läuft nach hinten und bis die Maschine tatsächlich zum Abheben durchbeschleunigt ist der Kerl doch tatsächlich auf seinem Platz zurück. Es wird mir in den nächsten Wochen noch öfter die für Afrika so typische Unbekümmertheit und Toleranz der Menschen, aber auch ihre gelegentliche Rücksichts- oder Gedankenlosigkeit begegnen.

Es ist einfach eklatant, dass man hier im Jetzt und Heute lebt und weniger über die Zukunft nachdenkt, über Nachhaltigkeit etwa, über Verhaltensfolgen, als wie wir es von klein auf einfach gewohnt sind.

Die Landung in Dakar bleibt völlig unspektakulär. Das Flugzeug rollt bis kurz vor das flache Empfangsgebäude und beim Verlassen der Kabine über das klassische, herangerollte Gangway, schlägt mir die angenehm warme, vom Atlantik angefeuchtete Luft der westafrikanischen Küstenstadt entgegen. Und trotzdem das Gebäude nur einen Steinwurf entfernt gelegen ist, müssen wir Passagiere erst in einen Bus steigen, darauf warten bis der sich gefüllt hat und werden dann die paar Meter bis zum Eingang gefahren.

Hier dann Einreihen, Schlangestehen für die Passkontrolle und den Einreisestempel und nach etwa einer halben Stunde weiter in die marode Ankunftshalle, um das Gepäck in Empfang zu nehmen. Hoffentlich, denn man weiß ja nie.

Die erste Erleichterung kam auf, als einer der Gepäcktransporteure versuchte, einen sperrigen Karton von außerhalb des Gebäudes auf das Gepäckband zu wuchten. Das machte natürlich keinen Sinn, denn der Karton wäre gleich in der ersten Schleife wieder vom Band herunter gefallen. Eines der Fahrräder war also angekommen. Jetzt wuchs die Spannung: waren alle Räder mit unserem Flug in Dakar gelandet? Waren sie unbeschädigt? Jemand half, den Karton über das Band zu heben. Dann kam schon der nächste. Einige Minuten später ein weiterer Karton. Äußerlich waren sie alle mehr oder weniger beschädigt, teilweise aufgerissen, aber die Räder waren vorhanden. Alle bis auf eines, wie sich bald herausstellte.

Am Gepäckband, mit den durcheinander liegenden Paketen und Taschen im Innenbereich des Förderbandes und den sich drängenden Leuten an der Luke durch die das Gepäck unseres Fluges auf das Band geworfen wurde, waren wir natürlich nicht die Einzigen, wenn auch die beinah am längsten ausharrenden, da das sperrige Gepäck erst als letztes angeliefert wurde.

Ich hatte meinen Rucksack schon gesichert und auf das zweite, ruhende Band gesetzt, dort wo einige von uns ihre Taschen zusammentrugen oder ebenfalls abgelegt hatten oder dabei waren, sie auf Vollständigkeit zu untersuchen. Ich bin dann wieder zurück zu der Ladeluke, wo auch mehrere der Leute, die wir schon während des Boardings in Casablanca als Pilger eingeschätzt hatten, ihre Dinge vom Band holten.
Ein schon etwas älteres Männlein mit faltigem und kantigem Gesicht, das in einen grauen Kaftan gekleidet war und einen kleinen Fez auf dem Kopf trug, hatte gerade seinen Sack mit Reis oder ähnlichem Inhalt auf dem Band entdeckt, zog ihn von dort herunter, begann zu tanzen und sich derart zu freuen, dass ich ihn verblüfft anschaute, woraufhin er mich mit zwei löchrigen Zahnreihen anlachte, die rechte Hand hob und mir wie freundschaftlich zum Abklatschen entgegenstreckte. Als wollte er sagen: "Hurra, meine Ware ist verschont geblieben - Allah sei es gedankt - und Du bist mein Zeuge.." - ich weiß nicht, ob er es wirklich so meinte, aber er schien mir doch sehr erleichtert zu sein, nach der Reise.
Warum auch immer, sein Händedruck war jedenfalls sehr herzlich.

Verlässt man erstmal das Gebäude des Flughafens, so begibt man sich auch hinaus aus dem neutralen Feld, in dem man sich noch einigermaßen ungestört bewegen konnte, hinaus in die Welt der harten Kontraste, des Überschwangs der Hilfswilligen und derjenigen die genau wissen, was du im nächsten Augenblick unbedingt brauchst. Die unvermeidbaren Geldwechsler stehen breit, die Träger, die dich adhoc umringen und dir an jedem Ende deines Gepäcks unter die Arme greifen. Die Schlepper, die dir die Vorzüge des von ihnen vermittelten Quartiers in den harmonischsten Tönen loben. Und alle wollen nach mehr oder weniger schnell und unerwünscht erbrachtem Dienst ihr Backschisch von dir, ewas, dass Du entbehren kannst, diesen hübschen Kugelschreiber zum Beispiel, ein Buch? ein kleines Geschenk? - ja wenn gar nichts weiter geht, dann vielleicht doch lieber Geld. Fünf Euro vielleicht? ou trois mille franc, s'il vous plait? Man sei doch schließlich freundschaftlich untereinander und man habe doch wirklich hart mit angepackt.

Man wird sie nicht los. Weder durch Missachtung, noch durch erklärende Worte, man werde schon selbst sehr gut zurecht kommen. Das sehen diese freundlichen Helfer dann ja doch völlig anders. Eine Chance ist es aber, eine Transportmöglichkeit bereits vorab organisiert zu haben.

Hotel Rex

So auch in unserem Fall, denn wir wollten ja noch in der Nacht weiter bis nach Thiès, den Moloch Dakar gleich hinter uns lassen. Dafür standen dann auch Freunde unseres Tourenleiters mit zwei Kleinbussen zur Verfügung, die ihre Fahrzeuge auf dem nächstgelegenen Parkplatz direkt am Flughafengelände zu stehen hatten. Okay, aber dort mussten wir mit der ganzen Chose, der großen Ladung an Gepäck, mit den Rädern, die ja immer noch in ihren Kartons oder Planen verpackt waren und die nun auf Gepäcktrolleys mehr oder weniger gut lagen, mit den Taschen und Rucksäcken erstmal hin.
Also Bahn frei! durch die haltenden Taxis und über den mit Schlaglöchern garnierten Vorplatz hinaus in die feindliche Welt. Wieviel Kleingeld dabei auf der Strecke blieb, um die Handvoll plötzlich auftretender zusätzlicher Freunde für ihr jeweils kurzes Anfassen beim Einfädeln der Räder in die kleinen Transporter wieder loszuwerden, hat niemand genau erfasst. Es war sicherlich zu viel. Aber schließlich kamen wir in den nächtlichen Verkehr von Dakar hinaus und auf die einzige nach Osten führende Verbindungsstraße, über Rufisque in Richtung der Provinzstadt Thiès.

Auch wenn es nicht ganz der richtige Zeitpunkt für mich war, die kurze Dusche um ca. drei Uhr morgens in dem kleinen Zimmer des Hotel Rex im ersten Stock mit dem Ausblick auf das weit verzweigte Astwerk eines Cashew-Baumes, dass ich bei der Dunkelheit aber noch gar nicht wahrnehmen konnte, tat richtig gut.




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